20. Oktober 2007
Ubuntu-Notebooks. Certified for Linux. Und anderer Quatsch.
Ich verfolge recht genau, was sich in der Mobile-Computing-Branche tut. Ich lese, was diverse Kollegen (z.B. die bei notebookjournal.de) regelmäßig in ihren Tests und Reviews von sich geben. Ich beobachte auch recht genau, was die halbwegs relevanten Notebook-Hersteller tun, um ihre schlampig programmierten BIOSse und den Rest ihrer in China zusammengefrickelten Barebones mit Linux kompatibler zu machen.
Und mein Halsumfang nimmt fast täglich zu.
Was soll die Herumlügerei, das Bemänteln, das Alibi-Getue??
Lets face it: Microsoft fucked up.
Selbst Dell, treuester Vasall Redmonts, soll, so Gerüchte, Truppen gen Mordor gesandt haben…
Technorati Tags: Dell, HP, Apple, Ubuntu, Linux Zertifikation
…um etwas Verstand in die Microsoft-Ingenieure hineinzuprügeln, nachdem bei einer Präsentation des Herrn CEO ein Vista-Notebook rund 5 Minuten und diverse Neustarts benötigte, um benutzbar zu werden… beim nachfolgenden internen Assessment kam man auf rund 180 kritische Punkte (=FEHLER, nicht Geschmäcklereien), die man bei Vista unerträglich findet. Die paar Hundert weniger kritischen mal kurzzeitig ausgeblendet…
Daß Microsoft diese Liste intern auf die Ablage "Wissen wir, wir haben’s schließlich erfunden, aber warum sollten wir was ändern?" gepackt hat, kann man sich denken.
Denn - Konzequenzen!? Bislang ist wenig zu sehen. Nach außen hin lächelt man weiter schraubzwingenmäßig und "empfiehlt Microsoft Vista" auf Webseiten, in Shops, auf den Seiten großer PC-Magazine…
Und die Produktpolitik? Ja, da gab es vor ein paar Monaten die große Ankündigung bei Dell, man wolle sowohl Desktop-Rechner als auch Notebooks herausbringen, die nicht nur mit Linux kompatibel seien, sondern gar gleich mit Ubuntu vorinstalliert ausgeliefert werden sollen. Kann man sogar bestellen. Kann man aber auch lassen.
Mal einen Blick auf die Specs und Leistungsdaten geworfen? Hat noch jemand hier das Gefühl, die nehmen Linux und Linuxer nicht ernst? Mal ganz abgesehen von den unverschämten Hinweisen im Windows Stil "Wollen Sie wirklich einen OpenSource-PC?"…
Erinnert mich alles an das verlogene Getue der Automobilindustrie: man entwickele ein "3-Liter Auto", mache es möglichst unattraktiv und teuer - und dann kann man sich wieder breitbrüstig vor die Presse stellen und herumschwadronieren, es "gebe ja keinen Markt für solche Autos" und man brauche deswegen die Entwicklung des 1-Liter-Autos, das man in der Schublade habe, nicht fortzuführen (so geschehen bei VW vor rund einem Jahr). Natürlich nicht. Aber das liegt nicht an den 3 Litern, sondern am Rest. Und den habt Ihr genau so gemacht, wie er sein sollte, denn es SOLL ja keinen Markt für 3-Liter-Autos geben. Pack.
Bei den Linux-Rechnern, die vereinzelt mal von HP oder Dell angeboten wurden, ist es ähnlich. Die sind zwar nicht sehr teuer, aber sind Gurken. Elende Gurken. Anscheinend haben die Product Manager dort (wenn wir mal einen Moment so tun wollen, als ob sie überhaupt den Erfolg einer Linux-Rechner-Serie wollen dürften…) vom Linuxer das Bild: arm, anspruchslos, dämlich.
Anders kann ich es mir nicht erklären, daß immer nur leistungsschwacher Schrott mit Linux oder wenigstens ohne Betriebssystem ausgeliefert wird.
Was soll der Quatsch? Die meisten, die heute Linux verwenden, sind "Poweruser". Sicher ein paar, denen es auch darum geht, Geld zu sparen. Sicher ein paar, die weise die Leistung ihrer Rechner auf den jeweiligen Anwendungszweck maßschneidern, und so z.B. ein langsameres, stromsparendes Notebook als Schreibmaschine haben. Zusätzlich.
Aber der Rest von uns will geile Rechner, schnelle Rechner, schöne Rechner. Mit Linux. Und diejenigen von uns, die es vorinstalliert brauchen - die brauchen auch das Ding so vorinstalliert, daß sie dann ihre MP3s anhören können. Und daß ihre Filme und DVDs laufen, statt zu stottern oder keinen Ton zu haben…
Aber dazu ist man bei Dell zu faul. Oder zu unfähig. Oder es gehört zur Politik, daß die Linux-Angebote eigentlich nur bereitgestellt werden, um zu demonstrieren: "guck mal, wir tun Euch den Gefallen, aber Ihr seht ja selbst: das is nich wirklich was…" Miese Masche. Nicht nur bei Dell.
HP behauptet seit einer Weile, seine Notebooks würden "Linux zertifiziert". Bei näherer Betrachtung sowohl des Kleingedruckten als auch der Realität entpuppt sich das als Witz.
Zum einen bezieht es sich auf SuSe Linux. Ich will nicht wieder die ganze Story mit Ex-SuSe, Novell und Microsoft aufrollen - aber SuSe ist kein guter Maßstab für "Linux" (mehr). Und außerdem gilt ein Notebook bereits als "zertifiziert", wenn ein paar Kernkomponenten mit Linux funktionieren. Nicht etwas alles. Frechheit.
Ebenso wie die Tatsache, daß auch die neuesten HP BIOS-Versionen immer noch nicht standardkonform sind und immer noch Timer-Bugs haben. Und die wenigen Rechner, die HP wenigstens ohne Zwangswindows ausliefert?
Schwachbrüstige und auch sonst am unteren Ende des HP-Spektrums angesiedelte Dinger wie das 6715s. Kein schlechtes Notebook für bestimmte Anwendungen (deshalb biete ich es ja auch an). Aber weder wirklich problemlos Linux-kompatibel (Timer-Bug, DMA-Probleme, etc.), noch wirklich der Renner.
So ist es überall. Ein paar kleinere Hersteller wie Nexoc liefern anständigerweise auch ihre schnelleren Notebooks ohne Zwangswindows. Das war’s. Alle Großen "empfehlen Windows Vista" für ihre Rechner, und liefern es zuvorkommenderweise auch gleich vorinstalliert mit. Und bieten unter dem Ladentisch (kostenpflichtige, versteht sich) Downgrades auf Windows XP an, damit der Kunde dann wenigstens stabil arbeiten kann…
Und die Kunden? Haben größtenteils immer noch keine Ahnung, werden von anzeigenabhängigen Magazinen, deren Redakteure meist erst nach ihrem Ausscheiden Klartext zum Thema Microsoft reden, dumm gehalten, und lassen das daher immer noch mit sich machen.
Diejenigen, die es nicht länger mit sich machen lassen, kaufen sich einen Mac. Auch proprietäre Hölle, aber wenigstens funktionieren die Dinge dort besser, und man hat nicht das Problem, daß man nie weiß, ob das beschissene Edel-Notebook, daß man sich gerade gekauft hat, in der Lage ist, mit Linux zu laufen.
Und ob der Herr Hersteller und die Herren Komponentenhersteller demnächst sich mal bequemen, entweder ihre Spezifikationen für die Linux-Entwickler offenzulegen oder selbst OpenSource-Treiber für Linux bereitzustellen.
Sonst brauch man immer jemanden wie mich und muß beim Kauf satt zuzahlen, um ein mit Linux funktionierendes Notebook zu bekommen. Und selbst da geht nicht immer "alles", weil die Hersteller halt einfach blocken. Eine lästige Zwickmühle.
Die massiven Zuwachsraten bei Apple (mittlerweile bei Notebooks über 17 Prozent Marktanteil in den USA) sprechen Bände.
Und ich wünsche mir manchmal einen sehr kleinen, schalldichten Raum mit stabilen Türen, in dem die Product Manager von Dell, HP, Lenovo, Acer, FSC, und wie sie alle heißen, versammelt sind.
In der Ecke ist ein Kamin. Da können sie ein Signalfeuerchen im vatikanischen Stil entfachen, wenn sie soweit sind.
Und dann warten wir geduldig und erhöhen langsam und genüßlich die Raumtemperatur, bis weißer Rauch aufsteigt, der uns verkündet: "Habemus Papam Linux-Certificatio". Aber ‘ne richtige.
Und bis dahin? Kaufen wir Macs. (und zwar hier oder hier ;-) )
Oder frickeln weiter.
Wer weiterhin "Wir empfehlen Windows Vista" verkündet oder verlogene Pseudo-Linux-Angebote halbherzig scheitern läßt, ist jedenfalls raus. (was sich auch in meinem nächsten Notebook-Portfolio endgültig spiegeln wird)

5 Kommentare on Ubuntu-Notebooks. Certified for Linux. Und anderer Quatsch. »
21. Oktober 2007
DimidoBlog » Bloglinks der Woche 15.10.-21.08.2007 @ 10:23 pm (Pingback)
[…] eine marktreife Alternative für Kunden und Vermarkter dar. Einige nette Gedankenansätze hat Martin Hoffmann zum Thema, dass renommierte Hardwarehersteller nun auch Linux vermarkten, aber über die Umsetzung […]
DimidoBlog @ 10:33 pm (Trackback)
Bloglinks der Woche 15.10.-21.10.2007…
Braucht einer ein Notebook? Vielleicht was kleines und kein 17zoll? Dann hätte Aldi was im Angebot, wenn du 700 Euro hast. Mehr zum Subnotebook bei Sascha Kristen
Diese Woche war soweit und eine neue Version von Ubuntu wurde veröffentlicht. Linux ha…
26. November 2007
Joel @ 8:01 pm:
Sorry ich verstehe das geflame nicht ganz. Ich bin ein langjähriger Linux-on-Mobile Nutzer - seit etwas über 2 Jahren bin ich mit einem Compaq (-> HP) nc4200 unterwegs welcher von HP als "Linux certified" gepriesen wird. Klartext? Ich bin begeistert von dem Ding! Es hat nen 12" Screen, hat 1.6kg Gewicht, kein CD/DVD, ist sehr leise, simples Design und funktioniert einfach. Die Hardware war mir immer treu, die Geschwindigkeit ist laut Spezifikation nichts spezielles, aber mit Linux kein Problem.
Weiss ja ned was du für Probleme mit der Hardware hast, ich kann deinen Beitrag absolut nicht nachvollziehen (bzw. muss HP ausklammern).
Martin @ 8:13 pm:
@Joel: Du hast eine Meinung, ich habe eine. Geflame? Daß Dein eines HP-Notebook gut mit Linux funktioniert (oder Dich die Probleme, falls unbemerkt, nicht stören) sagt nichts über den Wert (und den "Sinn") der Alibi-Zertifizierungen aus und ist auch nicht unbedingt repräsentativ.
Mein Artikel richtet sich nebenbei bemerkt nicht speziell gegen HP (obwohl die in Sachen Linux erheblichen Nachholbedarf haben, besonders bei ihren nicht standard-konformen BIOSsen…), sondern zielte allgemein auf Pseudo-Angebote und Schein-Anbiederungen, die lediglich als Ausrede gut sind, daß der Markt "nicht wirklich Linux will" und man weiter in erster Linie Windows-Kisten verkloppen kann…
Aber jedem Tierchen … usw.
Wenn Dein Note funzt - um so besser. Ich habe eine ganze Menge Notebooks diverser Hersteller in den Fingern, und bisher hat KAUM eines saubere Linux-Unterstützung, egal ob "certified" oder nicht…
12. März 2008
amd-linux @ 10:57 pm:
Gut gebrüllt, Löwe :-) Man hört eine gewisse unterschwellige Gewaltbereitschaft aus deinem Beitrag heraus :-) , aber im übrigen haste recht.
Ein paar Lichtblicke gibts - es gibt eine zunehmend wachsende Menge kleinerer /mittelgrosser Anbieter, die ihre White-Label Notebooks grundsätzlich erstmal ohne OS auspreisen.
Und die neuen Modelle von Asus und Acer, die es sogar inziwischen bei Amazon mit Linux gibt, kommen mit ner 8600 GT, das sind keine billigen Studentmaschinen für den Hörsaal.
Zugegebenermassen fischen diese Angebote derzeit eher die ab, die kein Windows brauchen, weil sie noch eine "Zweitlizenz" haben (ja nee, iss klar…), was schon an dem vorinstallierten "Linpus Linux" erkennbar ist, dass noch nicht mal X startet, sondern wie FreeDos nur ne Shell bringt.
Aber zumindest muss man nicht auch noch zwangsweise M$ fnanzieren sondern kann wenigstens diese 80 Euro sparen als Linux-Nutzer. Ich bin seit Kernel 0.99 dabei, ich erinnere mich noch an andere Zeiten, als ich zähneknirschend etwas bezahlen musste, was ich nicht wollte….