Die Inhalte des gestrigen Bildungs-Events bei Apple waren nicht unerwartet, aber wurden in ihrer Tragweite von den meist eher nerdigen Berichterstattern nicht wirklich erfaßt. Es gab nämlich keine neuen Geräte, kein neues Betriebssystem, nur eine kleine kostenlose neue Software und ein Software-Update. Öd, oder?

Phil Schiller stellt bei Apples Bildungs-Event die Verlagspartner der Lehrbuch-Offensive vor.

Drei Hauptthemen hat Apples Bildungsinitiative:

  • ein Update der iBooks-Software für iOS-Geräte, vor allem das iPad, mit dem Schwerpunkt, noch stärker multimediale Gesamtkunst/informationswerke (“Bücher” sind das ja eigentlich nicht mehr) zu unterstützen
  • iBooks Author, eine kostenlose Applikation, mit der vergleichsweise einfach iBooks erstellt werden können – vom einfachen Kochbuch bis zu anspruchsvollen Lehrbüchern, auf Wunsch gespickt mit interaktivem Content von Filmchen über 3D-Animationen bis zum Quiz.
  • iTunes U, den kostenlosen Bildungs-Podcast-Dienst im Rahmen der iTunes Plattform, der massiv in Kooperation mit namhaften Universitäten ausgebaut wurde und nun auch in das “untere” Bildungssegment auf Highschool-Ebene ausgedehnt werden soll – wobei eine neue iTunes-U-App für iOS-Geräte die weitere Verbreitung unterstützen soll. Was übrigens auch Menschen “auf dem Lande” oder in Dritte-Welt-Ländern nützt, die nicht so ohne weiteres in Standford studieren, aber durchaus auf diesem Wege dort einen Kurs belegen können.

Ich finde es persönlich etwas zwiespältig, was da abläuft.

Einerseits: faszinierend. In meiner Schulzeit waren Photokopierer gerade erst erfunden, teilweise gab es noch hektographierte, bläßliche, nach Alkohol riechende Blättchen, auf denen die Aufgaben oft kaum lesbar waren… *grins*

Interaktive Lehrbücher in iBooks 2 auf dem iPad - ein überzeugender Screenshot

Und ich habe mich selbst oft unnütz als kleiner Kerl mit dickleibigen Wälzern abgeschleppt. Ein handliches iPad und “schöne”, interaktive Lehrbücher, dazu die Informationsflut des Netzes auf Fingerdruck, Lehrer, die einem eher die Kunst des Findens, Bewertens und Klassifizierens von Informationen beibringen, als veraltete Fakten einzutrichtern – mir hätte das gefallen.

Und aus der Sicht eines heute nicht nur Lernenden, sondern auch Informationen vermittelnden und “Lehrenden”: ich kann zwar mit InDesign umgehen, aber die Möglichkeiten und die Einfachheit des iBook Author sowie die unkomplizierten Publikationswege über iBook-Store & Co geben mir wie Tausenden anderen unabhängigen Autoren phantastische Möglichkeiten, Nicht-Mainstream-Material im Bildungssektor breit zugänglich zu machen – auf einem Level von Professionalität und Anschaulichkeit, das bislang schlicht nicht erreichbar war.

Andererseits:

  • es ist ein Armutszeugnis für unsere “Staaten” und “Regierungen”, daß eine solche Initiative nicht nur notwendig ist, sondern von einem Konzern ausgehen muß.
  • es ist nicht unproblematisch, daß ein Konzern wie Apple gemeinsam mit einigen wenigen Lehr-/Schulbuch-Verlagen die Köpfe der Kinder dominiert. Wobei das zugegebenermaßen auch nicht schlimmer ist als die bisherige unheilige Allianz aus Kultusministern, Verlagen und Pfaffen…

Dazu kommen drei lerntechnische Aspekte, die man erst in der Praxis wirklich bewerten können wird:

Auch wenn wir im 21. Jhd. leben – unsere Gehirne funktionieren noch immer fast gleich wie in vorelektronischer Zeit, ebenso die Mechanismen, wie wir Informationen aufnehmen und merken und erinnern.

  • es liegt in der Verantwortung der Autoren/Verlage, multimediale Lehrbücher zu erschaffen, die zusätzliche Illustrations- und Einbindungs-Möglichkeiten nutzen, aber nicht noch mehr sekundäre Analphabeten züchten, die nur noch durch bewegte Bildchen zu animieren sind und keinen Satz über 140 Zeichen verstehen… Menschen, die ein paar Hundert Seiten Text lesen und verstehen können, haben einen anderen Geist und eine andere Aufmerksamkeitsspanne und Konzentrationsvermögen als solche, die ständig klicken, zoomen, pinchen, drehen, Bildchen-Gucken, Filmchen-Gucken und 3D-Graphik-Rumpfriemeln müssen…
  • bisherige Studien (und meine Selbstversuche) legen nahe, daß zumindest bei Text Informationen, die über ein gedrucktes Buch aufgenommen wurden, besser hängen bleiben als etwas, das man auf einem Bildschirm liest, wobei lustigerweise digitale Flachbildschirme noch einmal schlechter abschneiden als analoge Röhrenmonitore. Läßt sich dadurch kontern, daß Bilder, Klänge und die stärkere Einbindung des “Lesers” es leichter machen, die Information mit Emotionen zu verknüpfen, was das Erinnern fördert. Und die Displays werden auch immer besser – was sicher auch Auswirkungen haben wird. Bislang scheint aber memotechnisch das Lernen und lesen am Display nicht optimal zu sein.
  • ein wichtiger Mechanismus, über den wir Informationen aufnehmen, verarbeiten und dauerhaft zu “unseren” machen, ist das Reproduzieren des Gelernten in eigenen Worten – und eigener Schrift. Handschriftliche Notizen und Mitschriften sind enorm effiziente Werkzeuge des Verstehens und Merkens. Kurz: eine in ein iBook getippte Anmerkung ist unwirksamer als eine in ein physisches Buch gekritzelte Notiz. Natürlich kann man auch neben dem iPad einen Schreibblock haben und mit eigenen Notizen und Skizzen sich das Material aneignen, aber digitale Lehrbücher sind ein weiterer Schritt zu Menschen, die keine Handschrift mehr haben und deren Speicher- und Verständnisvermögen nebst Aufmerksamkeitsspanne immer weiter absinkt.

Insgesamt: der gestrige Event und die dahinter stehenden Prozesse sind hoch spannend und in ihrer Tragweite weitaus schwerwiegender als die Vorstellung eines neuen iPhone oder sonstigen Gadgets – auch wenn die einschlägigen Tech-Blogs das nicht so recht wahrnehmen…

Und wenn wir uns mal trotz der kritischen Anmerkungen auf die Möglichkeiten konzentrieren:

Apple hat mal wieder seinen Teil dazu beigetragen, daß Menschen ihr Leben und diese Welt hübscher und “besser” machen können. Ich stricke bereits an meinem ersten iBook – zum Thema Brainwave Entrainment und seinen Einsatzmöglichkeiten in der spirituellen Selbstentwicklung. Und ein iPad kommt mir dann auch bald ins Haus – wenn das iPad 3 tatsächlich ein Retina-Display hat. ;-)

P.S.: ja doch, ja doch, liebe Kritikaster, Glas-halb-leer-Seher und Apple-Hasser – es gibt ein paar echte Kritikpunkte, z.B. die (einstweilige) Limitierung auf iOS-Geräte als Lesegerät oder das Lizenzmodell für den iBook-Store. Aber: das wird sich regeln. Und: Apple hat es mal wieder GETAN und die Dinge wieder in Gang gesetzt, während andere immer noch staubige Schulbücher schleppen und weise blockierend daherschwätzen.. :)

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3 Responses to Apple und die Bildung – was bringen iPad-Lehrbücher, iBooks 2, iBook Author und iTunes U

  1. [...] ausführlicher und mit ein paar kritischen Anmerkungen im Elfenwald-Technikblog: Apple und die Bildung – was bringen iBooks 2, digitale Lehrbücher und iTunes U by Martin on 20. Januar 2012 inBlog • No Comments • Tagged InApple, Bildung, [...]

  2. Janus sagt:

    Die Publishing Möglichkeiten kann man eigentlich nur Begrüßen. Im Endeffekt bekommt Amazon so etwas Konkurrenz und die sorgt für Innovationen. Auf der negativen Seite ist das Productbranding bei Schulkindern. So etwas müsste der Staat schlicht verhindern. Apple prescht da in einen Markt, der nicht Markt sein dürfte.

    • Martin sagt:

      Na, wenn ich mir Deinen Link so ansehe – DAS dürfte eigentlich auch nicht “Markt” sein. ;-)

      Aber genau wie die korrupten und abstrusen “Finanz”-”Märkte” war auch der Bildungsbereich schon immer Markt – kirchliche und staatliche Indoktrination, und Lee(h)rbuch-Verlage üben nicht nur in den USA, sondern auch in der BRD (Springer…) massiven Einfluß darauf aus, was “wahr” ist und als “Bildung” Kindern oder später Studenten eingetrichtert wird.

      Wenn da etwas Leben reinkommt und Chancen und Verbreitung für unabhängige Autoren und Publisher steigen – mir recht.

      Daß Apple mit der Initiative auch finanzielle und Branding-Interessen verfolgt – versteht sich von selbst… auf diesem Planeten sind (fast) alle nicht so ganz sauber, in mehr als einer Hinsicht… ;-)

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