Geht es Dir auch so? Daß Dich viele der neuen Spiele einfach nur langweilen mit ihrem Konsolen-angepaßten Getue und ihren „drücke jetzt innerhalb von 0.07 Sekunden den GELBEN Knopf, um Deinen Gegner zu enthaupten“ Reflexe-statt-Gehirn-Blödsinnigkeiten?
Mir geht es sehr oft so. Neulich erst mit dem PC-Port von „Ryse: Son of Rome“, das mich von der Geschichte her eigentlich gereizt hätte, von der Graphik her geil ist, aber ansonsten… „meh“.

Ein schwerer Kreuzer zersägt mit seiner Ionenkanone ein gegnerisches Mothership

Ein schwerer Kreuzer zersägt mit seiner Ionenkanone ein gegnerisches Mothership

Manchmal packt einen dann die Sehnsucht. Nach Zeiten, wo der Konsolenquatsch noch nicht die PC-Spielewelt verseucht hatte, und zumindest manche Spiele Tiefe und Ideenreichtum hatten. Manchmal verklärt man da natürlich ein bißchen – so wie man heute viele alte, „gute“ Filme nur noch schwer erträgt, weil von Bildästhetik bis Sprechtraining sich einfach alles gewandelt hat, so ist es oft auch mit verklärten und auf Podeste der ewigen Heiligkeit gestellten Spielen…

Ich sag nur „Morrowind“… Wirklich noch mal gespielt? ;-) Eben…

Egal: heute gehts um was anderes! Hin und wieder erbarmen sich Entwicklerstudios, greifen sich ein gutes, altes Spiel, und polieren es in Sachen Graphik, Sound und Systemkompatibilität auf, so daß man es wieder mit Freude zocken kann. So geschehen schon vor einer Weile mit dem Weltraum-Klassiker „Homeworld“ (damals entwickelt von Relic Entertainment) von 1999 (!!!) . Ich habe vor etlichen Jahren dieses Spiel geliebt – auch aus persönlichen Gründen, aber dazu weiter unten. Millionen andere Menschen ebenfalls. Kann man es „zurückbringen“? Kann man Homeworld heute noch/wieder spielen?

Man kann!

Ein Gravwell Generator verläßt gerade die Hangar Bay - Ressourcensammeln, Forschen, Flotte aufbauen...

Ein Gravwell Generator verläßt gerade die Hangar Bay – Ressourcensammeln, Forschen, Flotte aufbauen…

Für „Homeworld Remastered“ wurde vom Entwicklerstudio Gearbox Software so ziemlich jedes graphische Fitzelchen neu und in höherer Auflösung restauriert, Sound und Benutzerinface wurden ebenfalls aufpoliert – und dankenswerter Weise wurde weitestgehend darauf verzichtet, die Handlung und das Gameplay unnötig zu modifizieren. Ganz ging das zwar doch nicht – auch das überarbeitete Homeworld „1“ läuft nun auf einer modifizierten „Homeworld 2“ -Engine, und so sind ein paar Features des alten Originals (Ballistik, Treibstoffsystem, manche Formationen etc.) nicht mehr vorhanden oder verhalten sich anders. Aber abgesehen von absoluten Hardcore-Homeworld-Fanatikern wird das kaum einen stören… :)

Man kann also wirklich Homeworld fast so spielen, wie man es in seeliger Erinnerung hat – nur daß es besser aussieht, besser klingt und anstandslos auf moderner Hardware und unter aktuellen Betriebssystemsversionen läuft.

Verschiedene Kamera-Optionen lassen einen Überblick wahren oder hautnah im Weltraumschlachtgetümmel dabei sein.

Verschiedene Kamera-Optionen lassen einen Überblick wahren oder hautnah im Weltraumschlachtgetümmel dabei sein.

Ein paar kleinere Nervigkeiten werden alten Hardcore-Spielern bekannt vorkommen und auch neuen Spielern auffallen – so ist manches bei der Steuerung eher wie in Homeworld 2, es ist immer noch nervig, einer Reparatur-Corvette klarzumachen, daß sie automatisch beschädigte Schiffe in ihrer Kampfgruppe reparieren soll, und dergleichen mehr… Aber damit kann man leben.

Ansonsten gibt es unendlichen Weltraum-„Spaß“ mit gigantisch schönen Maps und echten strategischen Herausforderungen.

Lohnt sich das Spiel auch für Neueinsteiger, die das „alte Homeworld“ seinerzeit nicht gespielt haben?
Klares JA!

Homeworld ist eines der intelligenteren Echtzeit-Strategiespiele, ist herausfordernd und schön, und seine „echte 3D Raumsimulation“ fordert räumliche Vorstellung und gibt dem Spiel buchstäblich Tiefe.

Stichwort „Tiefe“: die Hintergrund-Story der Singleplayer-Kampagne könnte man boshaft als Ansammlung von Science-Fiction Stereotypen abtun, aber viele Menschen, mich eingeschlossen, hat sie damals (und heute immer noch…) gefesselt und obendrein seltsam tief berührt.

Auf einer technologisch erwachenden Welt wird von Archäologen ein uraltes Raumschiff gefunden… es enthält neben Technologie, die wiederentdeckt werden will, eine Skizze, die das Weltbild der Menschen dieses Planeten umkrempelt: sie hatten über die Jahrhunderte vergessen, daß sie einst von woanders kamen, daß in grauer Vorzeit ihre Vorfahren von einer anderen Welt vertrieben worden waren… Homeworld. Hiigara. Schon der Name macht mir heute noch nasse Augen… Die Entdeckung und die Sehnsucht nach der fernen Heimatwelt eint die Bewohner des kargen Wüstenplaneten – sie entwickeln ein Raumschiff, und machen sich auf den Weg, ihre alte Heimat wiederzufinden…

Alte Feinde und viele Komplikationen warten…

Kleine Filmsequenzen erzählen immer wieder im Handlungsverlauf die Geschichte, die die „Exiles“ (am Rande bemerkt: die Eindeutschung von Homeworld ist nicht so grottenschlecht wie sonst oft bei Filmen und Spielen, aber wer kann, bleibt doch lieber beim englischen Orginal. Hat mehr Atmosphäre) selbst erst wiederentdecken…

Karan S’jet als lebender Computer und "Fleet Command", aus einer der s/w gehaltenen Cutscenes

Karan S’jet als lebender Computer und „Fleet Command“, aus einer der s/w gehaltenen Cutscenes

Die Wissenschaftlerin Karan S’jet, die als lebender Biocomputer freiwillig zu „Fleet Command“ wird… die Sequenz, die den Raum-Exodus der Flüchtlinge in grauer Vorzeit zeigt… Mich bewegen diese Bilder und Geschichten sehr, selbst heute noch. Als ich Homeworld vor Jahren das erste Mal spielte, bin ich bei der Cutscene, die diesen prähistorischen Raum-Flüchtlings-Treck zeigt, weinend zusammengeklappt und konnte mich kaum einkriegen. Ich wußte nicht, warum. Aber ich kannte diese Szene.

Natürlich – Vertreibung, Flucht und Heimatlosigkeit sind in meiner Familie (Hugenotten sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits, Familie meiner Mutter ausgebombt, Familie meines Vaters aus Ostpreußen vertrieben…) präsente Themen, aber das fühlte sich anders an. Jahre später führten mich eigene Intuition und Recherche und das Feedback einer hellfühligen geliebten Frau an einen möglichen Kern heran: mein Seelchen war wohl schon lange vor seinen diversen Erdenleben woanders unterwegs, und jener Planet liebevoll-verspielter Katzenmenschenwesen fand ein ähnliches Ende wie Hiigara
Wie schon öfter erwähnt: Computerspiele sind oft auch „Portale“, die intensiver als Bücher einem Zugang oder Konfrontation zu/mit uralten Themen und karmischem Sondermüll ermöglichen. Zumindest für mich.

Aber auch ohne das: Homeworld und seine verjüngte Wiederauflage vereinen eine gute Geschichte, ein ziemlich zeitloses Spielkonzept (Ressourcen sammeln, Technologie entwickeln, Flotte aufbauen, sich mit anderen Raum-Besetzern herumprügeln) und dank der Remastered Edition auch heute noch akzeptable Bildqualität und wunderschöne Welten.

Ein Spiel, das einen festen Platz auf meiner Platte hat.

„Once more, the exiles will face the coming darkness…“.

Indeed. Tun wir. Jeden Tag.

Ionenkanonen, verschrammte Raumschiffe und reichlich Explosionen... :)

Ionenkanonen, verschrammte Raumschiffe und reichlich Explosionen… :)

Das Bundle enthält übrigens neben den „remastered“ Versionen von Homeworld und Homeworld II auch die – nur minimal für heutige Betriebssysteme fit gemachten – Originale: so kann man sich den historischen Vergleich antun… :)

Online lassen sich Weltraumschlachten epischen Ausmaßes mit anderen erleben, und über den Steam-Workshop (und mutmaßlich andere Mod-Seiten, war zu faul zum suchen…) gibt es zusätzliche Single-Player Missionen. Steam ist zumindest für offizielle Versionen Pflicht, auch die Collector’s Edition (mit Mothership-Modell!) und die von Ubisoft vertriebene Variante mit DVD benötigen Steam-Aktivierung. Für Homeworld tue ich mir das gerne an. :)

Angebote, z.B. für die kaum noch erhältliche Collector’s Edition, für die Freaks über 200 Euro zahlen, findet Ihr bei Amazon.

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2 Responses to Homeworld Remastered – die Rückkehr der All-Sehnsucht

  1. Michael sagt:

    Hi Martin,

    Ich habe mir das Spiel vor Jahren mal angeschaut, kam aber mit der Steuerung der fitzeligen kleinen Raumschiffe nicht klar. Da ich dem Spiel schon lange mal einen 2. Versuch geben wollte, ist das nun der willkommene Anlass.

    Grüße,

    Michael

    • Martin sagt:

      *lach* – jajaaaa, Michael… eine gewisse „Lernkurve“ hat das Spiel, geht aber – ich weise meist Kampfgruppen zu (Ctrl+1-0) und kann so schnell zwischen verschiedenen Verbänden springen. Auch Ziele kann man leichter zuweisen, wenn man sie nicht einzeln markiert, sondern z.B. über einen Verband feindlicher Plasmabomber mit gedrückter Ctrl-Taste einen Rahmen zieht…

      Frohes Experimentieren! :)

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